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Winterreise-Projekt: Musikalische Hommage für gesellschaftlich Benachteiligte

Das Konzept: Die Schwarzwald-Baar Winterreise ist Teil des deutschlandweiten Kunstprojektes Deutsche Winterreise. Es will zeigen, dass auch in der Region der Wunsch besteht, ausgegrenzte Menschen in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Das Projekt bietet Einblicke in die Lebenswelt von sozial ausgegrenzten, obdachlosen, geflüchteten, asylsuchenden und von Wohnungsnot und Armut betroffenen Menschen.

Der Macher: Initiator Stefan Weiller hat das Konzept entworfen, führt Gespräche mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen, entwickelt daraus die jeweils regionalen Texte, macht die musikalische Bearbeitung und führt vor Ort Regie. Die Verbindung in den Schwarzwald-Baar-Kreis ist über die Evangelische Erwachsenenbildung gelaufen. Bei sozialen Einrichtungen wie Refugio VS habe er hier zur Gewinnung von Gesprächspartnern zur Erarbeitung der Texte Unterstützung gefunden. „Es ist bewegend, wenn Menschen im geschützten Raum und unter Wahrung der Anonymität ihre erschreckenden Geschichten von Krieg und Flucht erzählen“, sagt Weiller. Der diplomierte Sozialpädagoge hat als Lokaljournalist und Pressevertreter für die Caritas und das Diakonische Werk gearbeitet. Die „Deutsche Winterreise“ ist sein freiberufliches Projekt. Seit dem Start der Winterreise 2009 wurden bisher 387 sozial benachteiligte Menschen in 28 Städten für die jeweiligen regionalen Kunstprojekte interviewt.
Der Regisseur und Autor Weiller nimmt den mit „Winterreise“ betitelten Liedzyklus von Franz Schubert aus dem Jahr 1827 und setzt dessen Texte des Dichters Wilhelm Müller in frappierende Bezüge zu Aussagen aus aktuellen Interviews. In geschützten Räumen hat er persönlich mit arbeits- und wohnungslosen Menschen sowie Flüchtlingen aus der Region Schwarzwald-Baar gesprochen und deren Lebenserfahrungen in schlimmen, irritierenden, trostlosen und auch beschämenden Protokollen festgehalten.

Am Anfang steht die Geschichte einer 59 Jahre alten, von ihrem Mann verlassenen langzeitarbeitslosen Frau. Die Sprecherin Daniela Fonda nimmt sich des Textes mit klarer Diktion, in natürlichem Sprechtempo und mit gut gesetzten Sprechpausen an und versteht es schon hier, die gebotene Sachlichkeit mit gerade so viel Emotion zu unterlegen, um hörbar zu machen, dass sie der bedrückende Bericht – „wie es ist, wenn keiner mehr mit dir lacht oder redet“ – alles andere als gleichgültig lässt. Sanft und einfühlsam klinkt sich das Klavier in die Dramaturgie ein.
Der Pianist Hedayet Djeddikar erweist sich als in mehrfacher Hinsicht vorbildlicher Begleiter. Er kennt die Schubert-Partitur so gut, dass er sie nicht nur mit viel Gespür für eine zurückhaltend stimmige Gestaltung der Liedbegleitung spielt, sondern sie dazwischen auch solistisch in Details zur akustischen Grundierung des gesprochenen Wortes sowie als Signal oder Bindeglied des Handlungsgeschehens nutzt.

Die Mezzosopranistin Susanna Frank übernimmt als erste der drei Gesangssolisten das Lied „Gute Nacht“ aus der Originalkomposition von Schubert. Es handelt unter anderem davon, dass die Welt so trübe ist. Susanna Frank entfaltet hier und später alle Qualitäten ihrer Stimme: ihr gerundetes Timbre, ihre klare Intonation, ihren großen Stimmumfang und ihren weiten Ausdruck, der von ruhiger Innigkeit bis zu kraftvoller Extrovertiertheit reicht.
Die Betrachtung eines 21-jährigen wohnungslosen Mannes über die Liebe nimmt der Bariton Timon Führ mit Schuberts „Die Wetterfahne“ auf. Mit klarer Stimme und feinem Vibrato drückt er hier seinen Herzschmerz ebenso frostig aus wie er später die Qual von Verzweiflung, gedanklichem Irrgang oder psychischer Mattigkeit eindringlich vermittelt.

Der Bericht über die finanzielle Not einer jungen Mutter und die sich daraus ergebenden Ausgrenzungen nimmt die Sopranistin Christina Schmid mit dem Lied „Mut“ auf, mit ungetrübter und sicherer Stimme und Gefühl auch für problematische Sprüche wie „Klagen ist für Toren.“
Fest eingebunden in das Kunstprojekt wirkt schließlich das Villinger Chorensemble Vokale unter Heike Hastedt mit. Zu hören sind makellos homogene Lieder und schwebende Vokalisen. Über 400 Besucher spendeten langen und intensiven Beifall.

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