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Wenn Musik und Not aufeinander treffen Südkurier 22.09.2015

Zum ersten Mal wird beim Projekt Winterreise die Lebenssituation von Not leidenden Menschen im gesamten Landkreis ab. Die Aufführung findet am 13. Februar 2016 im Franziskaner statt.

Schwarzwald – das klingt nach Heimat und landschaftlicher Schönheit. Ausgerechnet im Schwarzwald-Baar-Kreis auf Spurensuche nach Heimatlosigkeit, Einsamkeit und Not zu gehen, mutet auf den ersten Blick irritierend an. Aber Not und Sorgen gibt es auch im Schwarzwald: Not von Menschen, die dort leben, wo andere Menschen ihren Urlaub verbringen.

Die Initiatoren: Aus diesem Wissen heraus laden die Evangelische Bezirksstelle 55 plus, die Erwachsenenbildung und das Diakonische Werk im Kirchenbezirk Villingen zum Projekt Winterreise ein. Geschichten von Menschen in Not, erhoben in sozialen Einrichtungen in der Region, werden mit dem vielleicht bekanntesten Liederzyklus von Franz Schubert, der Winterreise, zu einem Gesamtkunstwerk verbunden. Am 13. Februar 2016 kommt es im Franziskaner in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt und unterstützt vom Evangelischen Bezirkskantorat zur Aufführung.


Das Projekt:
Seit 2009 hat die Winterreise in 28 Städten Station gemacht, an jedem Aufführungsort wurden Interviews mit Asylsuchenden, sozial Benachteiligten, Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen und von Armut betroffenen Menschen geführt. Bruchstücke der Gespräche werden jeweils mit der Musik Schuberts verbunden. Dabei entstehen ganz unterschiedliche Aufführungen, die mit ihrer Mischung aus Kunst und sozialer Realität schon mehrere Tausend Menschen zum Nachdenken angeregt haben. Die Schwarzwald-Baar-Winterreise ist die erste der Reihe, die einen gesamten Landkreis abbildet. Der künstlerische Leiter Stefan Weiller hat seit Anfang 2015 Menschen in verschiedenen sozialen Einrichtungen besucht


Die Erfahrungen von Stefan Weiller:
„Im ersten Moment ertappte ich mich dabei, leichtfertig in Klischees zu denken: Schwarzwald und Not – das gibt es doch so nicht.“ Schon der erste Interviewtag im Winter 2015 räumte mit dem seligen Bild auf. „Ich traf auf Menschen, die langzeitarbeitslos und leider oft auch in beruflicher Hinsicht perspektivlos sind und einen anderen Blick auf die Region haben. Die Verzweiflung war oft groß.“

Die Themen:
Wie lebt es sich als Obdachloser? Wie ist es, zu betteln, auf Spenden angewiesen zu sein, weil das Geld nicht reicht? Bei den offenen Gesprächen mit wohnungslosen Männern im Awo-Wohnheim standen Verteilungsgerechtigkeit und Teilhabe am Alltag im Mittelpunkt der Begegnungen. All diese Menschen sind von ihrer Armut belastet, aber nicht gebrochen, was auch an den Angeboten der sozialen Arbeit liegt. Die Angst vor einem Konkurrenzkampf um die Verteilung von sozialen Gütern führt mitunter zu Feindseligkeit und Argwohn, etwa bei der von Armut betroffenen Gruppe gegenüber der zunehmenden Zahl von Flüchtlingen.
Angst ist auch ein großes Thema in der Flüchtlingseinrichtung Refugio. Die Menschen, die nach einer aufreibenden Flucht in der Trauma-Beratung sind, haben Angst vor der Zukunft und den Erinnerungen. Stefan Weiller sagt: „Die Begegnungen bei Refugio erlebte ich als besonders intensiv. Menschen aus Afrika und Asien erzählten aufrichtig und emotional aus ihrem Leben.“ Ein unbegleitet flüchtender junger Mann etwa – er war mit 14 Jahren in einem Militärgefängnis – weiß nicht mehr, wie er nach Deutschland kam. Jetzt lernt er Deutsch und ist darauf angewiesen, dass er auf eine offene Gemeinschaft trifft. Er tut, was er kann, um sich zu integrieren. Eine Mutter aus Afrika sagte den wohl eindringlichsten Satz: „I want to be useful again!“ Endlich wieder nützlich sein dürfen.

Die Umsetzung:
Künstler haben sich bereit erklärt, die Schubert-Lieder und Geschichten miteinander zu verbinden. Das tun sie für eine Aufwandsentschädigung, die weit unter ihren sonstigen Honoraren liegt. Trotzdem fehlt noch Geld. Darum sucht das Projekt noch Förderer.

Das Bild zeigt: Die Planerinnen der Schwarzwald-Baar-Winterreise 2016 (von links): Karin Nagel (Evangelische Erwachsenenbildung), Astrid Sterzel (Refugio), Susanne Schupp (Refugio), Anita Neidhardt-Merz (Diakonisches Werk), Veronika Herz (Refugio) und Petra Glünkin (Bezirksstelle 55plus).
Text und Bild: Elisabeth Winkelmann-Klingsporn