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Psychotherapie oft nicht gewährt, Badische Zeitung, 08.12.2014






Eine Mutter mit ihren zwei kranken Kindern – viele Flüchtlinge machen traumatische Erfahrungen, die sie oft erst verarbeiten können, wenn sie in Sicherheit sind und zur Ruhe kommen. Foto: dpa


Das Asylbewerberleistungsgesetz legt zwar fest, dass Flüchtlingen eine medizinische Minimalversorgung zusteht – zur Behandlung akuter Notfälle oder Schmerzzustände –, doch einer Psychotherapie stimmt nicht jedes Sozialamt ohne Weiteres zu. Nicht selten sind die Flüchtlinge schwer traumatisiert und brauchen Hilfe.

 

Warum brauchen viele Flüchtlinge psychologische Hilfe?

Krieg, Folter, Vergewaltigung – die Grenzen dessen, was ein Mensch verarbeiten kann, werden in solchen Situationen überschritten. Auch wenn die Angst bei den meisten Menschen irgendwann abklingt, kann es zu einem posttraumatischen Belastungssyndrom oder anderen psychischen Erkrankungen kommen, wenn die Stressspannung sehr groß war oder über einen langen Zeitraum andauerte. Trauma­Therapeut und Diplom­Psychologe Dieter David, von der Psychologischen Beratungsstelle für politisch Verfolgte und Vertriebene (PBV) in Stuttgart, weiß, welche Hölle viele Flüchtlinge hinter sich haben. "Wir hatten einen Patienten, der als Teenager von den Taliban verschleppt wurde. Er sollte zum Selbstmordattentäter ausgebildet werden, weigerte sich aber." Die Männer missbrauchten ihn ein Jahr lang mehrmals pro Tag, verloren irgendwann das Interesse und setzten ihn wieder bei seiner Familie ab. Diese bereitete seine Flucht nach Europa vor. Der Junge sei schon einige Wochen in Deutschland gewesen, als die Flashbacks kamen. Mit Flashbacks ist das Wiedererleben von traumatischen Ereignissen gemeint, die meist durch einen Schlüsselreiz ausgelöst werden – wie zum Beispiel Lärm und Gerüche. Typisch ist, dass die Betroffenen das Schreckliche immer wieder durchleben – in Form von Albträumen, Erinnerungsfetzen bis zum Gefühl, sich wieder in

dem vergangenen Geschehen zu befinden. Manchmal sind diese Flashbacks so stark, dass der Bezug zur Realität vorübergehend

verschwindet. Ein Mensch, der vergewaltigt wurde, zeigt dann dieselben körperlichen Reaktionen wie während der Vergewaltigung. Panik, Zittern, Schweißausbrüche.

 

Wie äußert sich ein Trauma?

Oft entwickeln die betroffenen Menschen Ängste vor dem Auftreten der Flashbacks und beginnen, Orte, an denen bestimmte Gerüche oder Geräusche sie erinnern, zu vermeiden. Man spricht von einer posttraumatischen Belastungsstörung, wenn die Flashbacks und ein entsprechendes Vermeidungsverhalten über einen Zeitraum von mindestens einem Monat in einem bestimmten Schweregrad vorliegen.

 

Wie sind momentan die Wartezeiten für eine Psychotherapie?

Momentan müssen Flüchtlinge und Folteropfer durchschnittlich sechs Monate auf einen Therapieplatz in einem der psychosozialen Zentren im Land warten, da die Einrichtungen überlastet sind. Ist ein Platz gefunden, vergehen oft weitere Monate, bis die Kostenübernahme für die Psychotherapie von den Sozialämtern bewilligt wurde. Häufig hat sich die Traumatisierung bis dahin etabliert –, oder der Flüchtling wird abgeschoben, bevor es zur Therapie kommt. Die Betroffenen sind zu diesem Zeitpunkt psychisch instabil und teilweise suizidal.

 

 

Wie gestaltet sich die Therapiesitzung bei Flüchtlingen?

Für eine Therapie von Flüchtlingen sind wegen mangelnder Sprachkenntnisse Dolmetscher unerlässlich. Das psychosoziale Zentrum in Stuttgart hat einen Pool von 40 Dolmetschern, die speziell für den Einsatz in Therapiesitzungen ausgebildet sind. Sie sprechen Arabisch, Tibetanisch, Türkisch, Kurdisch, Iranisch, Französisch und Englisch. "Wir bilden sie in mehrtägigen Schulungen selbst aus", sagt Psychologe Dieter David. Entscheidend sei, den Dolmetschern zu vermitteln, dass sie keine Ko­Therapeuten seien, sondern nur ein Medium.

Astrid Sterzel, Vorsitzende des psychosozialen Zentrums Refugio in Villingen­Schwenningen, sagt: "Wir achten auch darauf, dass sich der Dolmetscher und der Patient nicht außerhalb des Therapieraums begegnen."

 

Welche Therapie­Anlaufstellen gibt es in Baden­Württemberg bislang?

Zu den psychosozialen Zentren in Baden­Württemberg zählen: Refugio in Stuttgart und in Villingen­Schwenningen, die Psychologische Beratungsstelle für politisch Verfolgte und Vertriebene Stuttgart und das Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm. Auch die Freiburger Vereinigung zur Hilfe für psychisch kranke Kinder und Jugendliche arbeitet gerade am Aufbau einer Anlaufstelle für traumatisierte Flüchtlinge. Heute sind Vertreter der Stadt und sozialer Institutionen zu einem Arbeitstreffen eingeladen. Eine Idee des Vereins ist es, Kindergruppen in Wohnheimen Spielangebote zu machen und Betreuer darin zu schulen, Traumatisierungen zu erkennen. Ein System, das auch in Stuttgart funktioniert. "Die Fortbildung von Sozialarbeitern hat sich als sehr wirksam erwiesen", sagt Dieter David von der PBV in Stuttgart.

 

Wer vermittelt Flüchtlinge in eine Psychotherapie?

Oft vermitteln Ärzte, Anwälte oder Pfarrer, die Flüchtlinge an die psychosozialen Zentren. An den entscheidenden Schnittstellen – wie Gemeinschaftsunterkünften und Schulen – fehlt es jedoch oft an Psychologen oder an speziell geschulten Sozialarbeitern, die eine Traumatisierung erkennen. Der Migrationsbeauftragte und Anwalt Giles Stacey vom Diakonischen Werk in der Ortenau sagt: "Es gibt einen riesigen Bedarf an Fachkräften." Doch selbst wenn es manchen Flüchtlingen gelingt, einen Therapieplatz zu bekommen, sind die Zentren oft weit entfernt. Ein Beispiel: Asylbewerber, die in der Flüchtlingsunterkunft Rheinfelden untergebracht sind, müssen zum nächsten psychosozialen Zentrum in Villingen­Schwenningen zwei Stunden mit dem Bus fahren. Wer eine Therapie machen möchte, sollte sich an die psychosozialen Zentren, Mitarbeiter der Gemeinschafts-unterkünfte oder an Hausärzte wenden. Diese können Flüchtlingen dabei helfen, einen Kostenantrag für Psychotherapie bei den Sozialämtern zu stellen.

 

Wer übernimmt die Kosten einer Psychotherapie bei Asylbewerbern?

Bei Flüchtlingen mit einer Aufenthaltserlaubnis übernimmt die Krankenkasse die Kosten. Bei Asylbewerbern oder geduldeten Flüchtlingen greift das Asylbewerberleistungsgesetz. In Baden­Württemberg erstattet das Land den Kommunen die Kosten, die durch die Unterbringung und sonstigen Leistungen für die Asylbewerber entstehen, über eine Pauschale. Diese beträgt 12 270 Euro pro Flüchtling. Das Asylbewerberleistungsgesetz legt jedoch nur fest, dass Flüchtlingen eine medizinische Minimalversorgung zusteht, einer Psychotherapie müssen letztlich die Sozialämter zustimmen. Therapien sind teuer und übersteigen rasch die Pauschalen. Was die Pauschale übersteigt, muss die Kommune selbst zahlen.

Astrid Sterzel von Refugio sagt: "Es gibt Sozialämter, die bestehen darauf, dass die Flüchtlinge den Antrag zur Kostenübernahme allein aufsetzen – ohne Hilfe. Das ist wegen mangelnder Sprachkenntnisse schwierig und oft der Versuch eine Kostenübernahme zu verhindern."

 

Psychosoziale Zentren

Wer spenden möchte oder Hilfe sucht, kann sich an folgende Adressen wenden:

 

Psychologische Beratungsstelle für politisch Verfolgte und Vertriebene in Stuttgart (PBV)
Schloßstraße 76, 70176 Stuttgart, 0711/28 54 451

 

Refugio Villingen­Schwenningen, Kontaktstelle für traumatisierte Flüchtlinge,
Schwedendammstr. 6, 78050 Villingen­Schwenningen, 07721/504155

 

Refugio Stuttgart e.V., Psychosoziales Zentrum für traumatisierte Flüchtlinge,
Weißenburgstr.13 70180 Stuttgart, 0711/6453 127

 

BFU Ulm ­ Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm,
Innere Wallstr. 6, 89077 Ulm, 0731/228 36 oder /921 5


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