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Eine soziale Herkulesaufgabe

In Gengenbach steht ein Asylbewerberheim, das zu den Vorzeigemodellen gehört. In Gengenbach gründete sich ein »Freundeskreis Asyl« für Integration der Flüchtlinge in den hiesigen Alltag. In Gengenbach ist Solidarität spürbar, wie Umzüge einer Familie aus Syrien (OT berichtetegestern) und Afghanistan in eine städtische Wohnung und private Wohnung zeigen. Von daher war Gengenbach ein guter Ort für einen »Runden Tisch Asyl«, den Bundestagsabgeordnete Kordula Kovac initiierte. 22 Vertreter von Institutionen, die mit dieser »immer größeren humanitären Herausforderung« befasst sind, tauschten Erfahrungen und Gedanken aus. »Der feste Wille für konkrete Ansätze ist da«, sagte Bürgermeister Thorsten Erny zu den Entwicklungen in Gengenbach und mit Blick zu Ordnungsamtsleiter Michael Götz, der als Ansprechpartner einer städtischen Koordinierungsstelle dient.

Astrid Sterzel von Refugio Villingen­Schwenningen e. V., einer Kontaktstelle für traumatisierte Flüchtlinge, betonte, dass das gesamte Betreuungssystem in Deutschland ohne ehrenamtliche Helfer zusammenbrechen würde. Daher dankte die Gesundheitsökonomin beispielhaft Gengenbachs »Freundeskreis Asyl« für sein Wirken. Refugio sei einst gegründet worden, um traumatisierte Flüchtlinge aus Bosnien zu betreuen. Gerade die psychologische Betreuung der traumatisierten Flüchtlinge aus Syrien und anderen Kriegsgebieten sei fundamental, so Sterzel, dafür professionelle Begleitung ebenso nötig wie ein institutionenübergreifender Dolmetscherpool. Doch gerade bei Übernahme von Therapiekosten bestehe ein großes Finanzierungsproblem. »Und traumatisierte Familien sind bei vielen alltäglichen Kleinigkeiten überfordert«, so Matthias Bauernfeind, Geschäftsführer der Kindergärten in Villingen­Schwenningen.

»Ein Kind saß bei uns zunächst nur unter einem Tisch«, nannte Ulrich Fischer ein Beispiel, wie verängstigt Kinder einer Flüchtlingsfamilie sein können. Der Rektor der Gengenbacher Grundschulen teilte mit, dass alle drei, vier Wochen Kinder mit geringen oder keinen deutschen Sprachkenntnissen in seine Schule kommen. Dafür sei eine »Weltklasse« gebildet worden, deren Schüler zwei Tage pro Woche in den Regelklassen verbringen, um sich behutsam annähern zu können. »Und von einem Tag auf den anderen kann ein Kind wieder weg sein«, bedauerte Fischer den nächsten sozialen Riss, wenn die Flüchtlingsfamilie Gengenbach verlassen müsse. Viel Lob zollte Fischer dem Familien­ und Seniorenbüro (FSB) sowie Eva Gimmel, die Sprachunterricht für betroffene Familien gibt. »Dabei lernt man auch die Familienstrukturen kennen«, so die pensionierte Lehrerin, »und es ergeben sich immer mehr Aufgaben. « Weshalb der »Freundeskreis Asyl« gegründet wurde mit Christine Weygoldt­Barth vom FSB als die wiederum von »zu vielen bürokratischen Hürden« sprach. Daher betreuen Patenfamilien besonders bedürftige Flüchtlingsfamilien.

Kerstin Wojtkowiak-Grimm leitet Gengenbachs Kindergarten »Farbklecks«, in dem der Anteil von Kindern aus Flüchtlingsfamilien sehr hoch ist. Im Februar 2015 werde wohl die 50-Prozent-Marke in der Einrichtung nahe des Asylbewerberheims überschritten. »Neben der Sprache geht es um emotionale Bindung«, sagte die Pädagogin, »wenn die Familien Verlässlichkeit und Wertschätzung spüren, geht die Tür auf. « Allerdings sprenge diese Form von Familienarbeit den Rahmen, sagte sie und forderte gleichfalls enge Zusammenarbeit mit Psychologen.

Jürgen Blechinger, seit 1997 als Jurist im Bereich Migration und Referent der Diakonie Baden in Karlsruhe, riet zu einer »breiteren Streuung bei der Unterbringung von Asylbewerbern, um die Chancen für eine Integration vor Ort zu erhöhen.«  So sind in der Ortenau die derzeit 1100 aufgenommenen Flüchtlinge in 18 Städten untergebracht. Der Landkreis zählt bekanntlich 51 Kommunen. »Die ganze Entwicklung hat uns überrollt«, gestand Alexandra Roth, Leiterin des Migrationsamts im Landratsamt Offenburg, »zu wenig Personal sorgt für monatelange Bearbeitungszeiten, aber wir bekommen Verstärkung.« Dies sei ein Hoffnungsschimmer. »Total begeistert« ist Roth umso mehr von »der Bevölkerung in der Ortenau, es bilden sich an allen 18 Orten Netzwerke aus Ehrenamtlichen.« Dies vernahm ein eingeladener Vertreter des Zentralrats der Yeziden mit Wohlwollen. 1997 kam er als Flüchtling aus dem Irak nach Deutschland, lernte in der Volkshochschule und durch Kontakte mit den Einheimischen die deutsche Sprache, mahnte aber: »Wie wird hier gelebt? Was heißt Demokratie? Das muss gelehrt werden!«

Zum Leben hierzulande gehört das Arbeiten. Sterzel schlug vor, Asylbewerber in Ein-Euro-Jobs und damit Struktur in deren Alltag zu bringen. Darüber hinaus erklärte Horst Sahrbacher, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit, dass »wir in der Ortenau beste Möglichkeiten haben, junge Flüchtlinge in Ausbildung zu bringen, da der Fachkräftebedarf hoch ist.« Allerdings seien Sprachkenntnisse gerade für die Berufsschule nötig, dazu eine »positive Prognose für das Asylverfahren«.

Ein weiteres Beispiel für die Komplexität dieser Thematik und die Forderung von Juliane Weerenbeck, Geschäftsführerin der Diakonie Ortenau, »alle Kompetenzen zu vernetzen«. Doch »Bund und Land«, so Frank Wellhöner, Dekan aus Offenburg, der die Notwendigkeit der Trauerbewältigung als weitere Belastung der Flüchtlinge ansprach, müssen dafür finanzielle Unterstützung bringen. Dies wurde zwischenzeitlich in Berlin beschlossen. Länder und Kommunen erhalten 2015 vom Bund 500 Millionen Euro zum Ausgleich von Mehrbelastungen im Zusammenhang mit Aufnahme, Unterbringung, Versorgung und Gesundheitsversorgung von Asylbewerbern. Darüber hinaus sei eine neue Gesamtkonzeption nötig, so Detlef Kappes, Geschäftsführer der Caritasverbands Kinzigtal, da die Flüchtlinge andere seien als vor 15 Jahren: »Alle Wohlfahrtsverbände müssen dies miteinander angehen.«

Dieser »Runde Tisch«, darin waren sich alle Anwesenden einig, habe auch einen weiteren Motivationsschub gebracht. »Und das Signal nach Berlin, dass sich in Südbaden was tut«, so Erny. Der Rucksack in die Bundeshauptstadt sei in dieser Hinsicht, sagte Kovac, »sehr groß«.

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