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Bericht Südkurier 05.06.2014





04.06.2014  |  von Uwe Spille
Villingen-Schwenningen
Boko Haram ist gar nicht so weit weg

Villingen-Schwenningen -  Immer mehr Menschen suchen Hilfe bei Refugio, beispielsweise aus Nigeria, wo die fundamentalistische Boko-Haram-Sekte wütet.

Jonathan Chinedu will nicht erkannt werden, weder an seinem Gesicht noch am Namen. Denn auch die Boko Haram nutzt das Internet, um Feinde ausfindig zu machen. Ihm zur Seite steht Refugio mit Astrid Sterzel (links) und Susanne Schupp.  Bild: Spille

 

 

 

Wer glaubt, dass die fundamentalistische Boko-Haram-Sekte, die Nigeria terrorisiert, weit weg ist, irrt. Immer mehr Menschen flüchten vor den Gräueltaten dieser islamistischen Gruppierung, deren Name übersetzt „Gegen westliche Bildung“ bedeutet, auch nach Deutschland. Aktuell hat allein die Anlaufstelle für traumatisierte Flüchtlinge Refugio rund zehn von ihnen in Behandlung. Darunter auch Jonathan Chinedu, dessen Name hier geändert wurde. Und dessen Geschichte für so viele Menschen steht, die weltweit auf der Flucht vor Unterdrückung und Verfolgung sind.

Jonathan Chinedu kam vor drei Jahren unter „Umständen, die ich nicht erzählen kann, weil es mich depressiv macht“, wie er es wörtlich ausdrückt, nach Deutschland. Er spricht fließend englisch, auch auf Deutsch kann er sich mittlerweile verständlich ausdrücken. In seinem „früheren Leben“, wie er es beschreibt, war er ein erfolgreicher Geschäftsmann in Nigeria, machte Reisen nach Amerika, England und auch nach Deutschland, hatte Haus, Frau und Kinder.

Bis ihn, den bekennenden Christen, vor vier Jahren die Boko Haram ins Visier nahm. Sie wollten ihn, den erfolgreichen Geschäftsmann mit den vielen Kontakten, benutzen, um ihre Ziele durchzusetzen. Denn, so versichert Chinedu, die Sekte infiltriere immer mehr Bereiche des nigerianischen Lebens, habe Einfluss auf Politik und Gesellschaft. Als sich Chinedu standhaft weigerte, für die Sekte zu arbeiten, wurde er unter Druck gesetzt. Daraufhin wechselte er öfter seinen Aufenthaltsort, doch nichts half, Boko Haram wusste immer, wo er sich aufhielt, bis Chinedu sich dazu entschloss, nach Deutschland zu fliehen, auch weil er seine Familie schützen wollte.

Und hier begann für den hochintelligenten und sprachgewandten Mann ein fast dreijähriger Kampf um eine Aufenthaltserlaubnis. Denn das Ganze gestaltete sich schwieriger als gedacht, aufgrund einer Verfolgung aus religiösen Gründen lässt sich kein Aufenthaltsrecht erwirken, es müssen politische Gründe vorliegen. „Man sagte mir bei meinen Gesprächen mit den Behörden, ich sollte doch einfach sagen, dass ich schwul sei, weil diese Menschen nachweislich auch von Seiten des Staates verfolgt würden. Aber ich wollte bei der Wahrheit bleiben“, so Chinedu. Und die Wahrheit ist, dass er von Boko Haram bedroht wurde, die damals noch niemand im Westen kannte und die spätestens nach der Entführung von 200 christlichen Mädchen im April dieses Jahres traurige Berühmtheit erlangt hat.

Leicht waren die vergangenen drei Jahre nicht für den kräftigen, aufmerksamen und immer wieder herzlich auflachenden Mann mit seiner tiefschwarzen Hautfarbe. Ja, die Hautfarbe, die spiele eben auch eine Rolle, man habe ihm sogar anfangs bedeutet, dass er erzählen könne, was er wolle, man glaube ihm nichts. Alle Flüchtlinge würden in einen Topf geschmissen, kaum jemand von den Behörden würde sich die Zeit nehmen, individuell auf Schicksale einzugehen, Schwarze hätten dabei noch die geringsten Chancen.

Und dann die Zeit im Wohnheim, diese hat ihn schließlich krank werden lassen. Keine Arbeit, nichts zu tun für den umtrieben, geselligen Mann, die Gedanken an die Heimat, an die zurückgebliebene Familie, sie setzen dem stärksten Gemüt zu. Darüber bekam Chinedu Diabetes und Bluthochdruck, ausgerechnet diese Erkrankungen haben nun dazu geführt, dass er im März eine Aufenthaltserlaubnis bekommen hat. Denn einen kranken Menschen, so sieht es das humanistisch geprägte Deutschland vor, könne man nicht einfach abschieben.

„Ich habe Menschen aus unterschiedlichen Ländern im Heim kennengelernt, die können sich nicht so gut ausdrücken wie ich. Die warten schon seit sechs, sieben Jahren auf ihre Erlaubnis, hier leben zu dürfen, sind zum Nichtstun verdammt, werden entpersönlicht. Die sind gebrochene Menschen, die sind erledigt“, entfährt es Jonathan Chinedu urplötzlich. Er versteht eine Asylgesetzgebung wie die Deutsche nicht, die Menschen in eine solche Situation bringt. Dass man erst krank werden muss, um als Flüchtling anerkannt zu werden.

Jetzt hofft Chinedu auf einen Integrationskurs, mit dem er gut Deutsch lernen kann, hofft darauf, dass seine Fähigkeiten in Deutschland gebraucht werden, will sich hier einbringen mit seiner ganzen Persönlichkeit. Damit er irgendwann in der Zukunft seine Frau und Kinder, an die er täglich denkt, hierher zu sich holen kann. Denn eines weiß er genau: Nach Nigeria kann er nicht mehr zurück. Zumindest solange die Boko Haram dort wütet. Und das kann noch lange gehen.

Refugio

Refugio in der Schwedendammstraße in Villingen ist die Anlaufstelle für traumatisierte Flüchtlinge. Hier erhalten diese psychologische Unterstützung und andere Hilfe zur Integration. Problematisch ist der Umstand, dass Refugio für Flüchtlinge, die eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, keine öffentlichen finanziellen Mittel mehr bekommt.

Um Menschen wie Jonathan Chinedu auch weiterhin psychologische Unterstützung zu gewähren, ist Refugio deshalb dringend auf Spenden angewiesen. Sparkasse Schwarzwald-Baar, Konto-Nummer 96 116, BLZ 694 500 65. Im Internet unter www.refugio-vs.de (us)

 

 

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Psychosoziales Zentrum für traumatisierte
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